Während an vielen deutschen Universitäten die entscheidenden Schritte zur Einrichtung von Lehrstühlen und Studiengängen auf Gebieten der Wirtschaftslehre und Finanzwissenschaft bereits in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts unternommen wurden, gelang es der kleinen und vom dänischen Staat nur mit bescheidenen Mitteln ausgestatteten Christian-Albrechts-Universität in Kiel (CAU) erst relativ spät, ein bescheidenes Lehrprogramm im Bereich der sogenannten kameralistischen Fächer anzubieten.
Nur so ist es verständlich, daß mit Johann Christian Fabricius (1745-1808) der erste offizielle Kameralist zu einer Zeit nach Kiel berufen wurde, als andernorts der Kameralismus als erste "Schule" der systematischen ökonomischen Wissenschaft schon im Rückgang begriffen war. Vor der Berufung von Fabricius im Jahre 1775 lassen sich aus den Vorlesungsverzeichnissen lediglich Lehrveranstaltungen des Naturwissenschaftlers und Mediziners J. Chr. Kerstens im SS 1772 (Vorlesung: Polizeiwissenschaft, Land- und Stadtwirtschaft, Finanzwissenschaft) und im SS 1773 (Vorlesung: Kameralwissenschaft) nachweisen. Aber auch die Fabricius übertragene Professur enthielt in ihrer Aufgabenbestimmung neben Ökonomie und Kameralwissenschaften noch dessen eigentliches Interessengebiet, die Naturhistorie: und nur als naturwissenschaftlicher Forscher, speziell auf dem Gebiet der Entomologie, gilt Fabricius auch heute noch als bahnbrechender Gelehrter seiner Zeit. Einen gewissen Eindruck über seine ökonomischen Ansichten vermittelt sein als Lehrbuch herausgegebenes Werk "Anfangsgründe der ökonomischen Wissenschaften" (Flensburg 1773). Aber auch in den "Polizey-Schriften" (Kiel 1788-90) und in den übrigen kameralistischen Publikationen ist der dem Rationalismus der Aufklärungszeit hingegebene Naturwissenschaftler deutlich zu erkennen. Soweit sich in diesen Schriften überhaupt ökonomische Gedankengänge finden lassen, sind diese noch einer eher alt-merkantilistischen Betrachtungsweise verpflichtet. Obwohl Fabricius sich in seiner Autobiographie als ein weitgereister und weltoffener Zeitgenosse beschreibt, ist er offenbar mit den weit fortgeschrittenen ökonomischen Theorien der physiokratischen und der klassisch-englischen Schule der Politischen Ökonomie in keinerlei Berührung gekommen. So darf man wohl annehmen, daß die ökonomischen Kenntnisse dieses ersten offiziellen Fachvertreters der Finanz- und Wirtschaftswissenschaft an der CAU mehr als bescheiden waren. Kompetent war er wirklich nur auf seinem eigentlichen Interessengebiet, der Insektenlehre. Nur der letzte und vom Umfang her kleinste Teil seiner "Anfangsgründe" vermittelt einen Einblick darüber, wie Fabricius damals die Aufgabenbestimmung der Finanzwissenschaft als "eigentlicher Cameralwissenschaft" auffaßte: "Die Cameralwissenschaft enthält die Ökonomie des ganzen Landes und lehrt die Aufsicht führen über den Nahrungsstand und über das Vermögen der Einwohner, insofern sie zu den Revenuen des Staates beytragen." (S. 311)
Der erste echte Kameralist, der diese Wissenschaft als Spezialdisziplin lehrte und auch einen besonderen Lehrstuhl für Kameralwissenschaften einschließlich Statistik innehatte, war der bei Fabricius 1784/85 habilitierte und 1787 zum außerordentlichen, 1794 schließlich zum ordentlichen Professor berufene August C. H. Niemann (1761 -1832). Seine eigentliche kameralistischeAusbildung erhielt Niemann in Göttingen, wo er insbesondere durch seinen Lehrer A.L. v. Schlözer in seinen Ansichten zur Polizeiwissenschaft und Statistik entscheidend geprägt worden war. Er wirkte fast vier Jahrzehnte als Hochschullehrer an der CAU und hat als erster die Wirtschaftswissenschaft, so wie sie als Kameralwissenschaft an anderen deutschen Universitäten schon seit langem gelehrt wurde, auch in Kiel zu einer gewissen Bedeutung gebracht.
Niemann entfaltete eine sehr weitgespannte Lehrtätigkeit über die Gebiete der Polizeiwissenschaft, der Finanzwissenschaft, der Bodenwirtschaft und des Forstwesens sowie über die Statistik, in der Art, wie letztere damals aufgefaßt wurde. Die meisten Beamten der beiden Herzogtümer waren damals durch Niemanns Schule gegangen. Leider hat Niemann nur den ersten Teil seiner "Grundsätze der Staatswirthschaft" (Altona/Leipzig 1790) herausgebracht, der neben einer allgemeinen Einleitung nur die Polizeiwissenschaft, und selbst diese nicht vollständig, enthält. Es fehlt gerade der Teil über die Finanzwissenschaft, wie sie in der Einleitung allgemein charakterisiert wird: "Die Einrichtung und die Besorgung der inneren wie überhaupt aller Regierungsgeschäfte und so mancher damit verbundenen gemeinnützigen Anstalten macht mannigfaltige Ausgaben nötig. Die Mittel, das hierzu nötige Einkommen am leichtesten zu erheben, am vorteilhaftesten zu verwenden und zu verwalten, lehrt die Finanzwissenschaft... Die Finanzwissenschaft zeigt, wie hiernächst durch vorsichtige Erhebung und gewissenhafte Verwaltung der öffentlichen Einkünfte die Bürger beitragsfähig bleiben und die Staatskasse dauernd bereichert wird." (S. 12)
Der ganze Ballast an Natur- und Gewerbekunde, wie er sich noch in dem o.g. Lehrbuch seines Lehrer Fabricius findet, wird von Niemann aus dem Gebiet der Staatswirtschaftslehre ausgeschieden. Dieser notwendige Schritt in Richtung auf eine eigentliche ökonomische Wissenschaft ist bei Niemann also bereits vollzogen, nur der Durchbruch zu einem Wissenschaftsverständnis im Sinne der von Niemann nachweislich intensiv studierten Werke der französischen und deutschen Physiokraten und Antiphysiokraten und des Hauptwerks von Adam Smith ist ihm noch nicht gelungen. Die Bindung an die kameralistische Tradition mit ihrem Schwergewicht auf der vernünftigen Lenkung des gesamten privaten und öffentlichen Wirtschaftslebens bleibt bei ihm noch dominant.
Mit Georg Hanssen (1809-1899) führte einer der berühmtesten Nationalökonomen und Statistiker des 19. Jahrhunderts die bis dahin noch der Kameralistik verhaftete Kieler Lehrtradition in Richtung auf eine mehr der liberal-klassischen Politischen Ökonomie verpflichtete Volkswirtschaftslehre weiter. Die eigentliche Synthese zwischen dem kameralistischen Erbe in Deutschland und der liberalen britischen Ökonomik wurde vor allem von Karl Heinrich Rau in Heidelberg vollzogen, von dem der Jurastudent Hanssen zum Studium der Volkswirtschaftslehre ermuntert darin und später tatkräftig unterstützt wurde. Hanssens Studienfächer in Heidelberg (1827/28) und dann in Kiel (1829/31) waren Kameralistik, Polizeiwissenschaft, Nationalökonomie und Landwirtschaftslehre.
Er habilitierte sich bei Niemann in Kiel und wurde 1837 nach mehreren Jahren praktischer Tätigkeit in der dänischen Staatsverwaltung in Kopenhagen zum ordentlichen Professor für Politische Ökonomie und Statistik nach Kiel berufen.
Hanssens Ruhm als bedeutender Ökonom beruht auf seinen bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der empirischen Statistik und der Agrargeschichte. Demgegenüber fallen die der Finanzwissenschaft zuzuordnenden Studien und Gutachten weniger ins Gewicht. Es kann davon ausgegangen werden, daß Hanssen seine finanzwissenschaftlichen Vorlesungen weitgehend am Fachverständnis und an der Systematik seines Lehrers Rau orientierte. Aus dem in Göttingen erhalten gebliebenen Kollegheft seines Schülers G.F. Knapp ist zu ersehen, daß auch bei Hanssen die zentrale Aufgabe der Finanzwissenschaft in der Analyse der Staatseinnahmen und ihrer Wirkungen auf den privatwirtschaftlichen Sektor erblickte. Er war der Auffassung, daß ohnehin nur die Steuerlehre einer wissenschaftlichen Behandlung zugänglich und das Schwergewicht künftiger Forschung auf eine Verbesserung der noch recht unvollkommenen Steuertheorie zu legen sei.
Hanssens Lehrtätigkeit in Kiel endete bereits 1841, nachdem er mit einer kritischen Presseverlautbarung über eine groteske wirtschaftspolitische Maßnahme der dänischen Regierung die einem Professor damals gezogenen Grenzen offenbar überschritten hatte. Eine amtliche Rüge seitens des Universitäts-Kurators ließ der liberal eingestellte Hanssen nicht auf sich sitzen und folgte unverzüglich dem an ihn ergangenen Ruf nach Leipzig.
Als Nachfolger Hanssens wurde 1842 Johann Christian Ravit (1806-1868) berufen. Er hatte Rechts- und Staatswissenschaften in Kiel, Heidelberg und Jena studiert und war nach Abschluß des juristischen Amtsexamens in der dänischen Finanzverwaltung in Kopenhagen tätig. Er beschäftigte sich vorrangig mit praktischen Problemen des Geldwesens und der Besteuerung und hatte ebenso wie sein Vorgänger Hanssen wenig Sinn für rein theoretisch-prinzipielle Fragen seiner Wissenschaft. Über seine Lehrtätigkeit an der CAU sind kaum Informationen überliefert. Als Mitautor der mutigen Schrift über das "Staats- und Erbfolgerecht des Herzogtums Schleswig" (1846) und als Mitglied der revolutionären Stände- und Landesversammlung 1848/49 wurde Ravit nach Restauration der dänischen Herrschaft in den Herzogtümern zusammen mit sieben anderen Kollegen aus seinem Professorenamt entlassen.
Das gleiche Schicksal traf zu dieser Zeit auch den jungen Kollegen Ravits, Lorenz von Stein (1815-1890), der zunächst als Privatdozent der juristischen Fakultät 1843 mit Vorlesungen über öffentliches Recht, Rechtsgeschichte und Allgemeine Staatslehre begonnen hatte und in dieser Position seine Lehrtätigkeit auf das Gebiet der ökonomischen Staatswissenschaften auszudehnen strebte. Dies gelang Stein erst nach einem zweiten Anlauf 1846 mit der Berufung auf eine außerordentliche Professur für Staatswissenschaften bei der philosophischen Fakultät. In den folgenden Jahren erarbeitete Stein sich ein neues, durchaus eigenes Lehrsystem der gesamten Staatswissenschaft, dessen einzelne Teile er von 1852 an in mehreren Bänden herauszugeben gedachte. Mit dieser Systemkonzeption unternahm der an Hegels Wissenschaftsverständnis orientierte Stein den Versuch, die ihm allzu pragmatisch-unreflektiert erscheinende Dreiteilung des Rau'schen Systems der Politischen Ökonomie zu überwinden. Die Politische Ökonomie sollte wieder ihren Platz in einer neugeordneten Staatswissenschaft zugewiesen bekommen und nicht losgelöst von ihren allgemeinen philosophischen Grundlagen und nicht gänzlich separiert von den anderen Teildisziplinen der Gesellschaftslehre, der Staatslehre und der Verwaltungslehre betrieben werden.
Wenngleich Stein dieses Konzept eines Systems der Staatswissenschaft so nicht konsequent in die Tat umsetzen konnte, so wurde mit der erstmals 1860 vorgelegten "Finanzwissenschaft" doch eine neue Epoche in der Entwicklung dieser Wissenschaft eröffnet, die später als die "klassische Epoche der deutschen Finanzwissenschaft" gerühmt werden sollte. In Kiel konnte Stein lediglich die erste Grundlage für seine späteren großen Lehrbücher schaffen. Er wurde ebenso wie andere Kollegen in die Staatswirren Schleswig-Holsteins ab 1846 verwickelt, gehörte wie Ravit zu den Mitautoren der Protestschrift gegen die Absichten des dänischen Königs und wurde nach Niederschlagung des Aufstandes und der Preisgabe der Herzogtümer an die alte dänische Herrschaft seiner Professur an der CAU 1852 enthoben. Erst nach der Berufung an die Universität Wien war es Stein dann ab 1855 wieder möglich, seine unerhört fruchtbare wissenschaftliche Produktion ungestört fortzuführen.
Nach dem kurzen Intermezzo des als Nachfolger Ravits 1853 nach Kiel berufenen Gustav Zimmermann (1808-1879), der sich wohl allein dadurch der dänischen Regierung für dieses Amt empfahl, daß er als Gegner jeglicher konstitutionellen Staatsordnung in der Schleswig-Holstein-Frage den dänischen absolutistischen Standpunkt publizistisch vertreten und auch die Entlassung der "Göttinger Sieben" für vollkommen berechtigt erklärt hatte, wurde im Jahre 1854 Wilhelm Seelig (1821 -1906) als Professor für Nationalökonomie, Finanzwissenschaft und Statistik nach Kiel berufen. Seelig hatte ebenso wie Hanssen die entscheidende Prägung als Ökonom von Rau in Heidelberg empfangen und war in Göttingen mit dem dort lehrenden Hanssen in freundschaftliche Beziehung getreten. Seine noch lateinisch abgefaßte Dissertation befaßte sich mit dem Finanzsystem Colberts. Danach beschäftigte er sich vor allem mit Zollfragen und versuchte zusammen mit Hanssen, den Ausbau des Deutschen Zollvereins mit statistisch fundierten ökonomischen Argumenten zu fördern. Seelig übernahm auch die von Hanssen betriebene empirische Statistik der direkten Autopsie sozialökonomischer Fakten und verfaßte nach dieser Methode einige Arbeiten über Agrarverhältnisse. Als einziger Ökonomieprofessor an der CAU las Seelig in wenig verändertem Rhythmus von Semester zu Semester bis zur Errichtung eines zweiten Lehrstuhls für Staatswissenschaften im Jahre 1893 die vier Hauptvorlesungen: Enzyklopädie der Staatswissenschaften, Nationalökonomie, Finanzwissenschaft und Allgemeine und deutsche Statistik. Dazu kamen noch als Spezialvorlesungen: Zoll- und Handelspolitik, Ausgewählte Abschnitte der Wirtschaftspolitik und Über volkswirtschaftliche Tagesfragen.
Da Seelig auf dem engeren Gebiet der Finanzwissenschaft während seiner Kieler Zeit so gut wie keine Veröffentlichungen vorlegte, läßt sich über Art und Inhalt seiner "Finanzwissenschaft" kaum Näheres mitteilen. Ob er die bemerkenswerte Entwicklung die dieses Fach gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Deutschland durchlief zur Kenntnis nahm muß bezweifelt werden. Man kann wohl eher davon ausgehen, daß Seelig der Tradition seines Heidelberger Lehrers Rau ebenso wie seines Freundes Hanssen verpflichtet blieb und auf diesem dann doch mehr und mehr obsoleten Fundament das Fach in Kiel bis ins 20. Jahrhundert hinein lehrte.
Vom WS 1882 an wurde das wirtschaftswissenschaftliche Lehrprogramm an der CAU auch auf dem Spezialgebiet der Finanzwissenschaft durch Vorlesungen des 1872 zum ordentlichen Professor für Landwirtschaft berufenen Hermann Backhaus (1818-1901) ergänzt. Backhaus war Mitglied des Frank- furter Paulskirchenparlaments 1848/49 und danach elf Jahre als praktischer Landwirt tätig. Aus dieser Stellung heraus wurde er an die CAU berufen, an der er bis 1891 seine Lehrtätigkeit ausübte.
Auf den 1893 zusätzlich geschaffenen Lehrstuhl für Staatswissenschaften wurde Wilhelm Hasbach (1899-1920) berufen. Hasbach hatte zunächst Philosophie und Geschichte studiert und in Tübingen mit einer Dissertation über "Die platonische Idee in Schopenhauers Ästhetik" 1875 promoviert. Nach mehreren Jahren der Tätigkeit als Lehrer nahm er in Berlin 1879/80 staatswirtschaftliche Studien auf und erhielt hier entscheidende Anstöße und Prägungen von Adolph Wagner. Nach zweijährigem Studienaufenthalt in England legte Hasbach eine Untersuchung über "Das englische Arbeiterversicherungswesen" (1883) vor, mit der er sich auf Wagners Empfehlung in Greifswald habilitierte.
In Kiel las Hasbach die "Finanzwissenschaft" ebenso wie die Theoretische Na- tionalökonomie im Wechsel mit Seelig. Leider gilt auch für Hasbach, daß dieser über die Lehrtätigkeit auf dem Gebiet der Finanzwissenschaft hinaus mit keiner Publikation hervortrat, aus der etwas über seine Ansichten zum Forschungsstand dieser Disziplin damals zu erfahren wäre. Seine hervorragenden Leistungen als Forscher lagen eher auf dem Gebiet der Sozialpolitik und der Theoriegeschichte einschließlich der Methodendiskussion. Noch heute lesenswert sind seine von hoher Gelehrsamkeit zeugenden Studien über "Die allgemeinen philosophischen Grundlagen der von F. Quesnay und Ad. Smith begründeten politischen Ökonomie" (1890) und über "Adam Smith und die Entwicklung der politischen Ökonomie" (1891).
Ein dritter Forschungsschwerpunkt Hasbachs war schließlich seine Beschäftigung mit Problemen der politischen Theorie, insbesondere seine kritische Auseinandersetzung mit der modernen Demokratie als Staatsform. Hasbach mußte sich sowohl im Rahmen seiner sozialpolitischen Forschungen wie auch seiner Demokratiekritik mit dem Sozialismus und der Sozialdemokratie beschäftigen. So finden sich neben den ökonomischen Hauptvorlesungen von ihm in den Verzeichnissen auch Vorlesungen über "Geschichte des modernen Sozialismus" und über die "Arbeiterfrage". Im SS 1902 bot er eine Vorlesung an über "Finanzgeschichte Preußens und des Deutschen Reiches".
Im Herbst 1900 wurde Georg Adler (1863-1908) zum außerordentlichen Professor der Staatswissenschaften an die CAU berufen. Nun wurde die Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft" außer von Seelig und Hasbach auch noch von einem dritten Kollegen wechselweise gelesen. Allerdings ergab sich diese Verpflichtung für Adler regelmäßig erst nach der Emeritierung Seeligs, der seine "Finanzwissenschaft" im WS 1904/05 letztmalig im Alter von 83 Jahren vortrug. Nachdem dann auch Hasbach 1906 aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus seinem Amt scheiden mußte, las Adler die "Finanzwissenschaft" jeweils in den Sommersemestern 1906, 1907 und 1908. Allerdings konnte die Vorlesung im SS 1908 nicht zu Ende geführt werden, weil der bei Entscheidung über die Nachfolge Hasbachs übergangene Adler im Juni dieses Jahres freiwillig aus dem Leben schied.
Adler war bereits im Alter von 23 Jahren habilitiert und in Freiburg 1890 zum außerordentlichen Professor ernannt worden. Seiner wissenschaftlichen Orientierung und den von ihm gewählten Forschungsschwerpunkten nach zu schließen, kann er der historischen Schule zugeordnet werden. So hat er sich neben wirtschaftsgeschichtlichen Studien insbesondere der Ideengeschichte und den Problemen des Sozialismus gewidmet. Besonders hervorgetan hat sich Adler mit der Herausgabe der "Hauptwerke des Sozialismus und der Soziaipolitik" seit 1904, die bis dahin vielfach in deutscher Übersetzung gar nicht greifbar waren und die Adler mit sachkundigen Einleitungen versah. Nur vereinzelt und unter einem primär Theoriegeschichtlichen Aspekt finden sich in diesen Werken auch finanzwissenschaftliche Fragen angeschnitten, auf die Adler in seinen einleitenden Kommentaren Bezug nehmen konnte. Auf dem damals aktuellen Feld der finanzwissenschaftlichen Forschung hat Adler keine herausragenden Arbeiten veröffentlicht, es sei denn, man bezieht auch die sozialpolitischen Studien hier mit ein.
Adlers eigenes finanzwissenschaftliches Fachverständnis bleibt so weitgehend verborgen, wenngleich angenommen werden kann, daß er die Finanzwissenschaft nach dem Vorbild Wagners darbot.
Der auf Hasbachs Lehrstuhl 1907 berufene Greifswalder Professor Ludwig Bernhard (1875-l935) lehrte nur etwas mehr als ein Jahr an der CAU und hat in diesen beiden Semestern keine Vorlesungen oder sonstige Lehrveranstaltungen auf dem Gebiet der Finanzwissenschaft übernommen. Allerdings verdient die Tatsache Erwähnung, daß Bernhard bereits Initiativen entfaltete, um dem damals in bescheidener Ausstattung existierenden Staatswissenschaftlichen Seminar eine besondere Abteilung für die volkswirtschaftlichen Fragen des Seewesens angliedern zu können. Diese Idee sollte allerdings erst sein Nachfolger im großen Stil verwirklichen.
Nach seiner Berufung zum ordentlichen Professor für Nationalökonomie an die CAU im Herbst 1908 las Bernhard Harms (1876-1939) die "Finanzwissenschaft" erstmals im SS 1909 parallel mit der anderen Hauptvorlesung "Theoretische Nationalökonomie mit Geld- und Kredittheorien". Insbesondere in seinen früheren Werken tritt bei Harms noch der Einfluß der historischen Schule deutlich hervor. Seine wichtigsten akademischen Lehrer waren Friedrich Julius Neumann, Wilhelm Stieda und Gustav v. Schönberg. Bei letzterem habilitierte er sich 1903 in Tübingen. Seine politische Ideenwelt wurde in dieser Zeit stark beeinflußt durch Friedrich Naumann. Die Verlagerung der ursprünglich wirtschafts- und finanzgeschichtlichen sowie dogmenhistorischen Interessen hin zu seinem späteren Forschungsschwerpunkt, den internationalen Wirtschaftsbeziehungen, findet sich in der Chronologie seiner Publikationen dokumentiert. Herausragende Werke mit einer klaren Orientierung an Gegenstand und Methode der jüngeren historischen Schule sind "Die Münzund Geldpolitik der Stadt Basel im Mittelalter" (1907) sowie "Der Stadthaushalt Basels im Mittelalter" (3 Bde., 1909/13). Im Hinblick auf den Standort, dem das von Harms gegründete Institut für Weltwirtschaft im Spektrum der "wirtschaftspolitischen Schulen" der Gegenwart wohl zuzuordnen ist, mag es erstaunen, daß sich Harms sehr intensiv mit der Person und Botschaft des Mitbegründers der SPD, Ferdinand Lassalle, auseinandersetzte und 1909 die Schrift "Ferdinand Lassalle und seine Bedeutung für die deutsche Sozialdemokratie" herausgab. Harms war von der politischen Grundhaltung Lassalles, seiner dominant nationalen Einstellung, von der Anschaulichkeit und dem mitreißenden Pathos seiner großen Reden und nicht zuletzt auch von der ambivalenten Persönlichkeit dieses charismatischen Arbeiterführers nachhaltig beeindruckt. Diese historischen Werke vermitteln jedoch kaum mehr als vage Hinweise auf Harms' eigene Vorstellungen über Aufgabe und Inhalt der Finanzwissenschaft in seiner Zeit.
Im SS 1910 kündigte er die "Finanzwissenschaft" etwas detaillierter als früher an: "Finanzwissenschaft, Lehre vom Staats- und Gemeindehaushalt unter besonderer Berücksichtigung des Steuerwesens im Reich und in den größeren Bundesstaaten". In ähnlicher Form findet sich diese Vorlesung dann auch in den Verzeichnissen der Sommersemester 1911 bis 1916. Im SS 1919 hielt Harms noch einmal eine Übung zu "Fragen der Finanzwirtschaft und Finanzwissenschaft" ab; danach übertrug er diese Lehraufgabe entweder jüngeren Kollegen aus dem eigenen Nachwuchs oder er setzte sich für die Berufung auswärtiger Fachvertreter ein, von denen er wußte, daß durch sie die finanzwissenschaftliche Forschung und Lehre neue Impulse erhalten und auf international führendem Niveau betrieben werden würde.
Friedrich Hoffmann (1880-1963), der Historiograph des Instituts für Weltwirtschaft und Verfasser zahlreicher kleinerer Studien zur Geschichte der CAU und Schleswig-Holsteins, habilitierte sich hier 1909 und las im WS 1911/12 eine Spezialvorlesung über das "Finanzwesen des Deutschen Reiches". Nach ihm übernahm der 1911 in Kiel habilitierte Bruno Moll (1885-1968) zunächst die Nebengebiete der Finanzwissenschaft: Finanzwesen des Deutschen Reiches, Einführung in die Sozialpolitik, International vergleichende Finanzwissenschaft, Geld- und Kreditwesen. Erstmals im WS 1919/20 trug er die Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft" selbst vor.
Im März 1920 wurde Moll zum beamteten außerordentlichen Professor für Nationalökonomie an der CAU ernannt. Ein Jahr später folgte er einem Ruf nach Leipzig, wo er eine rege wissenschaftliche Aktivität auf den Gebieten der Finanzwissenschaft und der Geldlehre entfaltete. Obgleich Moll in diesen ersten Jahren seiner akademischen Lehrtätigkeit noch mit Vorliebe finanz- und theoriegeschichtliche Themen bearbeitete, vermittelt das von ihm in Leipzig verfaßte und 1930 herausgegebene umfangreiche "Lehrbuch der Finanzwissenschaft" einen plastischen Eindruck von seiner Entwicklung in Richtung auf eine verstärkt theoretisch-prinzipielle Auffassung dieses Fachgebiets.
Noch während des Ersten Weltkrieges beteiligte sich der 1916 als ordentlicher Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften nach Kiel berufene Richard Passow (1880-1949) am finanzwissenschaftlichen Lehrprogramm. Allerdings wandte sich Passow rasch seinem eigentlichen Betätigungsfeld, der schleswig-holsteinischen Wirtschaftsforschung zu und betrieb diese bis zu seinem Weggang nach Göttingen 1922.
Ebenfalls für das WS 1917/18 wurde eine Vorlesung des 1914 in Kiel habilitierten Fritz Karl Mann (1883-1979) über "Steuerlehre und Steuerpolitik" angekündigt. Diese Veranstaltung konnte aber der noch im Felde stehende Privatdozent nicht abhalten. Erst im WS 1919/20 kündigte Mann neben der Vorlesung "Sozialismus und soziale Bewegung" auch "Übungen zur Finanzwirtschaft" an. Der eigentliche Beginn seiner finanzwissenschaftlichen Lehrtätigkeit dürfte vom SS 1920 an zu datieren sein, nachdem Mann zum beamteten außerordentlichen Professor für Nationalökonomie an der CAU ernannt worden war. In diesem Semester übernahm Mann die Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft" und bot daneben noch Übungen über Karl Marx an. Im folgenden WS 1920/21 las wieder Moll die "Finanzwissenschaft", während Mann die "Theoretische Sozialökonomik" (also die bisherige Theoretische Nationalökonomie) übernahm. Für das SS 1921 findet man von Mann in Anlehnung an die Vorlesungsbezeichnung durch Harms angekündigt: "Finanzwissenschaft (Lehre vom Staats- und Gemeindehaushalt mit besonderer Berücksichtigung der neuesten deutschen Reichsgesetzgebung)".
Fritz Karl Mann begann seine akademische Laufbahn mit dem juristischen Studium, das er 1906 mit der Promotion zum Dr. jur. an der Universität Göttingen beendete. Das war indes nur der Grundstein zur Entwicklung seines eigentlichen historischen Bildungsstrebens auf dem Gebiet der Staatswissenschaften. Er wurde in der folgenden Zeit Schüler von Adolph Wagner und Gustav Schmoller und promovierte 1913 in Berlin zum Dr. phil. Danach setzte er seine Studien in London und Paris fort, wurde Mitarbeiter von französischen staatswissenschaftlichen Zeitschriften und entdeckte hier in französischen Archiven das berühmte "Memoire ine'dit" von Montesquieu. In diesen Jahren vor dem Ausbruch des Weltkrieges war Manns Monographie "Der Marschall Vauban und die Volkswirtschaftslehre des Absolutismus. Eine Kritik des Merkantilsystems" das bedeutendste Resultat seiner Forschungen.
Der Weltkrieg mußte den damals schon international orientierten Wissenschaftler besonders schmerzlich treffen. Dem Spürsinn von Harms für echte wissenschaftliche Begabungen hatte er es wohl zu verdanken, daß er bald nach dem Kriege seine erste akademische Berufung als Professor nach Kiel erhielt. Hier wirkte er als Finanzwissenschaftler, Theoretiker und Dogmenhistoriker bis zu seiner Berufung Anfang 1922 nach Königsberg. In den Königsberger Jahren konzentrierte er seine Forschungsarbeit zunehmend auf die historische Durchdringung der ökonomischen, politischen und soziologischen Beziehungen der Finanzwirtschaft zur Staatswirtschaft.
Von Königsberg aus erhielt Mann den ersten, ausschließlich der Finanzwissenschaft zugeordneten Lehrstuhl an der Universität Köln, den er von 1927 bis 1936 innehatte. Seine grundlegenden Erkenntnisse fanden in dieser Zeit ihren Niederschlag in den Monographien "Deutsche Finanzwirtschaft" (1929), "Die Staatswirtschaft unserer Zeit" (1930) und vor allem in dem Werk "Steuerpolitische Ideale. Vergleichende Studien zur Geschichte der ökonomischen und politischen Ideen und ihres Wirkens in der öffentlichen Meinung 1600-1935" (1937), einer Spitzenleistung auf dem Gebiet der finanzwissenschaftlichen Dogmengeschichte.
Das NS-Regime zwang Mann, ebenso wie viele andere herausragende Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler zur Emigration. Am nächsten der Kieler Wirkensphase Manns steht wohl seine "Deutsche Finanzwirtschaft". Hier erkennt man, daß Mann in den zwanziger Jahren noch stark der überkommenen Tradition seines Lehrers Wagner verpflichtet war; denn seine Analyse konzentriert sich im Grunde auf die Steuerbelastung und die Gefahren eines überzogenen Fiskalismus. Im Unterschied zu seinem späteren Nachfolger in Kiel, Gerhard Colm, bleibt die Analyse noch dominant auf die Einnahmenseite des Budgets bezogen, werden öffentliche Ausgaben kurzerhand als Kaufkraftentzug der Volkswirtschaft deklariert, ohne auf die Rückwirkungen der Staatsausgaben auf den volkswirtschaftlichen Kreislauf weiter zu achten. Zu der Zeit, da Mann diese Schrift von Köln aus herausgab, hatten die Kollegen am Kieler Institut bereits andere Wege eingeschlagen. Allerdings sollte sich Mann gerade unter dem Einfluß seiner finanzsoziologischen und historischen Studien bald aus den Banden der überkommenden Tradition lösen und den Zugang zur modernen makroökonomisch orientierten Finanzwissenschaft finden.
Nach Manns Weggang wurde Erwin von Beckerath (1889-1964) zum ordentlichen Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften nach Kiel berufen. Allerdings war dessen Aufenthalt nur von kurzer Dauer. Lediglich im SS 1922 übernahm v. Beckerath die Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft". Die eigentliche Entfaltung auf seinen Forschungsgebieten der Finanzwissenschaft, der Verkehrswissenschaft und der Soziologie sollte ihm erst in Köln und Bonn möglich werden.
Bereits im WS 1922/23 übernahm der Honorarprofessor Oswald Schneider (1885-1965) die Vorlesung "Finanzwissenschaft" und ergänzte auch in den folgenden Semestern das Lehrprogramm um Vorlesungen folgenden Inhalts: Finanz- und Steuersysteme der Großmächte, Das internationale Finanzproblem nach dem Friedensvertrag von Versailles.
Im SS 1923 wurde der außerordentliche Professor der Universität Münster, Hans Teschemacher (1884-1969), mit der Durchführung der Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft" betraut sowie beauftragt, im folgenden WS 1923/24 eine Übung über die Theoriegeschichte des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft abzuhalten. Ob diese Übung zustande kam, muß fraglich erscheinen, da Teschemacher Ende August 1923 bereits zum außerordentlichen Professor nach Königsberg berufen wurde.
Für das WS 1924/25 wurde der in Göteborg geborene, an den Universitäten Berlin und Freiburg ausgebildete Ökonom Sven Helander (1889-1970) mit der Durchführung der finanzwissenschaftlichen Hauptvorlesung beauftragt. Er kündigte neben dieser auch noch Vorlesungen über die Reparationsfrage und über Theorie und Praxis des Geldwesens an, außerdem auch Übungen zur Konjunkturtheorie. Ende 1924 wurde er zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt und las im SS 1925 neben der "Finanzwissenschaft" noch "Geschichte der Nationalökonomie".
Ab WS 1925/26 beteiligte sich auch der gerade in Kiel habilitierte RudoIf Stucken (1891-1984) an der finanzwissenschaftlichen Ausbildung. Neben der von ihm präferierten Geld- und Währungstheorie bereicherte er das Lehrprogramm um Themengebiete der Kommunalfinanzen und des Finanzausgleichs.
Der im SS 1924 nach Kiel berufene Friedrich v. Gottl-Ottlilienfeld (1868-1958) beschäftigte sich nur am Rande mit finanzwissenschaftlichen Fragen. Im WS 1926/27 bot er eine Vorlesung an über "Aufbau und Führung des öffentlichen Haushalts (Theoretische Finanzwirtschaftslehre)". Die Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft" wurde noch im SS 1927 und im WS 1927/28 von Helander abgehalten. Gottl-Ottlilienfeld verließ die CAU bereits wieder im Herbst 1926 und folgte einem Ruf nach Berlin.
Zu seinem Nachfolger konnte Harms den Baseler Kollegen Julias Landmann (1877-1931) gewinnen. Er las erstmals im SS 1928 die "Finanzwissenschaft" und hielt zugleich eine Übung über den Finanzausgleich ab. Im SS 1929 las L.andmann neben der Hauptvorlesung auch eine Vorlesung über den öffentlichen Kredit. Landmann hatte bereits eine ungewöhnliche Karriere als Wissenschaftler und Praktiker hinter sich. Herausragend sind vor allem seine wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet des Geld- und Bankwesens sowie der internationalen Sozialpolitik. Seine "Geschichte des öffentlichen und privaten Kreditwesens" zeugt von einer umfassenden Kenntnis des historischen Quellenmaterials und hebt sich in ihrem Informationsgehalt deutlich ab von einschlägigen Bearbeitungen dieses Themas in neueren Handbüchern.
Landmann war eine umfassend gebildete Persönlichkeit; er hatte an den Universitäten Basel, Würzburg, Göttingen, Kiel und Bern Wirtschaftswissenschaften, Staats- und Verwaltungsrecht, Philosophie und Literaturgeschichte studiert und in Bern mit einer Arbeit über "Die Prinzipien der Diskontopolitik" promoviert. Sein Renommee als exzellenter Fachmann in Theorie und Praxis des Bankwesens verschaffte ihm auch ohne Habilitation im Jahre 1909 die Berufung auf eine ordentliche Professur an der Universität Basel. In Kiel war Landmanns Wirken jedoch überschattet von der katastrophalen politischen Entwicklung, die letztlich zum Zusammenbruch der freiheitlich-demokratischen Staatsordnung in Deutschland führen sollte. Zwar konnte er auch hier rasch eine große Hörerschaft um sein Katheder versammeln, aber sein Drang nach Ergänzung der Tätigkeit als akademischer Lehrer durch praktischpolitisches Wirken im Gemeinwesen mußte in den Turbulenzen der untergehenden Weimarer Republik unbefriedigt bleiben. So schied er im November 1931 freiwillig aus dem Leben.
Neben Landmann beteiligte sich der 1923 nach Kiel berufene August Skalweit (1879-1960) an der finanzwissenschaftlichen Lehre. Seine Spezialaufgabe als Nachfolger von Passow war neben Volkswirtschaftslehre die schleswig-holsteinische Wirtschaftsforschung, woraus sich erklären mag, daß er auf dem Gebiet der Finanzwissenschaft kaum mit nennenswerten Arbeiten hervortrat. Neben wirtschafts- und dogmengeschichtlichen Studien finden sich von ihm vor allem solche aus dem Bereich der Handels- und Agrarpolitik. Skalweit las die Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft" nur im WS 1929/30. Hochrangige Pionierarbeit auf dem noch weithin unbearbeiteten Feld makroökonomisch fundierter Kreislauf- und Konjunkturforschung wurde ab Mitte der zwanziger Jahre im Institut für Weltwirtschaft von einem Forscherteam geleistet, dem unter der Bezeichnung "Kieler Gruppe" in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft im Deutschland des 20. Jahrhunderts eine exponierte Stellung zuerkannt wird. Gemeint sind hier die Ökonomen Adolph Löwe (geb. 1893, heute unter dem Namen Lowe), Gerhard Colm und Hans Neisser, deren Arbeit insbesondere durch Colm auch der finanzwissenschaftlichen Lehre an der CAU zugute kommen sollte.
Seit dem WS 1927/28 beteiligte sich der Ende 1926 in Kiel habilitierte Gerhard Colm (1897-1968) mit finanzwissenschaftlichen Übungen an der Lehre. Im WS 1930/31 las er dann, inzwischen zum außerordentlichen Professor ernannt, auch die Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft". Wie so oft in der Geschichte des wissenschaftlichen Fortschritts wurden auch hier innovative Durchbrüche von Forschern geleistet, die im Unterschied zur dogmatisch verengten Problemsicht und Methode der etablierten Zunft mit grundlegend anderer Fragestellung und einem breiter gespannten Problembewußtsein an die großen Fragen der Wissenschaft herangehen. Hinzu kommt bei Colm wie auch bei Löwe, daß sie bei Franz Oppenheimer studiert hatten, einem akademischen Lehrer also, dem nicht gerade daran gelegen war, reine Fachspezialisten heranzuzüchten. Mit seiner Habilitationsschrift zur "Volkswirtschaftlichen Theorie der Staatsausgaben" (1927) sprengte Colm den engen Rahmen der auf das Marktdogma fixierten Analyse der Staatseinnahmen- bzw. Steuerwirkungen und gab entscheidende Anstöße zur Herausbildung der modernen gesamtwirtschaftlichen Kreislauflehre sowie der eng mit dieser verknüpften Theorie des modernen Interventionsstaates. Aus der Sicht der Volkswirtschaftslehre wurde der Staat nicht mehr auf seine Rolle als Verzehrer privat produzierten Sozialprodukts reduziert, sondern als ein in Konsumtion und Produktion mit den beiden anderen Kreislaufakteuren, den Sektoren Unternehmen und Private Haushalte, systemnotwendig verknüpfter Kreislaufpol begriffen. Colms kreislauforientierte Staatsausgabentheorie mußte in ihren praktischen Konsequenzen zu einer instrumentalen Auffassung beider Seiten des Staatsbudgets als Mittel zur stabilisierenden Steuerung des gesamtwirtschaftlichen Prozesses hinführen. Letztlich war es die realhistorische Erfahrung eines sich verschärfenden Krisenzyklus der kapitalistisch- marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften dieser Zeit, wodurch dogmatisch ungebundene Ökonomen zu der Überzeugung geführt wurden, daß die weitere Entwicklung dieses Wirtschaftssystems nicht mehr ausschließlich einer anarchisch-spontanen Marktsteuerung überlassen bleiben könne, sondern einer zielorientierten politischen Lenkung bedürfe. Colm war sich damals aber auch schon der Gefahren bewußt. die mit dem Aufbau bürokratischer Lenkungsapparate der freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung drohen. Um hier der unvermeidlichen Machterweiterung des Staates ein Korrektiv entgegenzustellen, forderte Colm den konsequenten Aufbau einer Wirtschaftsdemokratie.
Die Blütezeit finanzwissenschaftlicher Forschung am Kieler Institut für Weltwirtschaft war mit der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus 1933 abrupt beendet. Colm mußte zusammen mit Neisser schon im gleichen Jahr als Emigrant in den USA eine neue Wirkungsstätte suchen. Das gleiche Schicksal traf auch den 1931 nach Frankfurt a. M. berufenen Adolph Löwe. Noch während der Wirkenszeit Landmanns wurde im SS 1930 der neben seiner praktischen Tätigkeit im Reichsfinanzministerium an der Verwaltungsakademie und der Handelshochschule sowie als Honorarprofessor an der Universität in Berlin lehrende Johannes Popitz (1884-1995) mit einer Gastprofessur beauftragt. Er las über Reichsfinanzpolitik.
Nach dem Tode Landmanns wurden verschiedene auswärtige Finanzwissenschaftler mit der Vertretung seines Lehrstuhls beauftragt. Erwähnt seien insbesondere Fritz Neumark (geb. 1900), der die Vertretung im WS 1931/32 wahrnahm, sowie Hans Mayer (1879-1956), der die "Finanzwissenschaft" im WS 1932/33 las. Auch für das SS 1933 war von letzterem diese Vorlesung angekündigt worden, jedoch ist anzunehmen, daß nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sowohl auf seiten Mayers wie auch auf seiten der auf das neue Regime verpflichteten Universitätsleitung kein Interesse an einer Fortführung dieser Lehrtätigkeit mehr bestand.
Zum eigentlichen Nachfolger auf dem Landmann-Lehrstuhl wurde nach einem Semester Lehrstuhlvertretung der dem Nationalsozialismus zunächst treu ergebene Jens Jessen (1896-1941) berufen. Er löste auch den von seinem Amt als Direktor des Instituts für Weltwirtschaftslehre verdrängten Harms in dieser Funktion ab. Jessen hatte in Hamburg und Kiel Wirtschaftswissenschaften studiert und bei Harms 1920 mit einer Dissertation über "Handelskauf nach nordischem Recht" zum Dr. sc. pol. et Jur. promoviert. Nach umfassenden Auslandsstudien in Nord- und Südamerika habilitierte sich Jessen 1927 bei Passow in Göttingen mit einer Untersuchung über "Agrarprobleme in Argentinien". In Göttingen wurde er 1932 zum außerordentlichen Professor ernannt und wechselte in dieser Position nach Kiel über. Hier las er erstmals im WS 1933/34 die "Finanzwissenschaft". Bereits 1934 verließ er aber wieder die CAU und ging nach Marburg, von wo er dann wiederum ein Jahr später an die Handelshochschule nach Berlin überwechselte.
Angesichts der praktischen Erfahrungen mit nationalsozialistischer Politik entwickelte sich Jessen in den Berliner Jahren von einem Anhänger der NS-Ideologie zu einem scharfen Regimegegner. So geriet er in die Kreise des Widerstands, war ebenso wie Popitz Mitglied der Berliner Mittwochsgesellschaft und wurde im Zusammenhang mit dem Attentatsversuch auf Hitier am 20. Juli 1944 im November des gleichen Jahres hingerichtet.
Nach dem Weggang Jessens übernahm der in Jena habilitierte Harald Cerfin (1904-1954, bis 1951 mit dem Familiennamen Fick) zunächst als Lehrstuhlvertreter und ab 1936 als planmäßiger außerordentlicher Professor die Lehre im Fach Finanzwissenschaft. Gerfin trat vor allem mit Arbeiten über finanz- und geldpolitische Stabilisierungspolitik hervor und setzte insofern die von Löwe, Colm und Neisser initiierte Neuorientierung der Finanzwissenschaft in Richtung auf eine Lehre der finanzwirtschaftlichen Staatsintervention fort. Neben den finanzwissenschaftlichen Vorlesungen las Gerfin auch über Geld und Kredit. Noch während des 2. Weltkrieges beteiligten sich der in Kiel 1939 habilitierte Karl Schiller (geb. 1911) und Gertrud Savelsberg (1899-1984) an der finanzwissenschaftlichen Ausbildung.
Auch nach dem Kriege lag die Hauptlast der Lehre im Fach Finanzwissenschaft bei Gerfin. Im SS 1948 und im WS 1948/49 wurde die sonst kompakt angebotene Vorlesung "Finanzwissenschaft/Finanzwirtschaft" aufgeteilt in "Finanzwissenschaft I: Aufbau und Formen der Finanzwirtschaft" und "Finanzwissenschaft II: Geschichte der modernen Staatsfinanzen". Im SS 1950 und im SS 1951 beteiligte sich der damalige Leiter der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft Wilhelm Gülich (1895-1960) in der Stellung eines "Honorarprofessors für Schrifttumskunde der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften" mit Spezialvorlesungen am Lehrbetrieb der Finanzwissenschaft. Im WS 1953/54 las Gerfin letztmalig seine Vorlesung "Staat und Wirtschaft".
Sein Nachfolger wurde der in Tübingen habilitierte und zum 1. April 1954 als ordentlicher Professor nach Kiel berufene Heinz Haller (geb. 1914). Nachdem sich Haller zunächst mit Arbeiten über allgemeine volkswirtschaftliche Fragen (Lohntheorie) sowie mit mehr methodisch orientierten Studien (Typus und Gesetz in der Nationalökonomie) beschäftigt hatte, wandte er sich dann auf breiter Linie der Theorie und Praxis der staatlichen Finanzwirtschaft zu und legte 1957 die erste Fassung seiner auf der Grundlage der modernen keynesianischen Makrotheorie konzipierten "Finanzpolitik" vor. Im Jahre 1964 erschien Hallers zweites grundlegendes Werk in erster Auflage: "Die Steuern. Grundlinien eines rationalen Systems öffentlicher Abgaben". Beide, die deutsche Finanzwissenschaft bis in die siebziger Jahre hinein, nachhaltig prägenden Werke erlebten mehrere Auflagen (die "Finanzpolitik" letztmalig 1972 in 5. Auflage, "Steuern" letztmalig 1981 in 3. Auflage) und wurden in fremde Sprachen übersetzt. Neben der Hauptvorlesung "Finanzwissenschaft" las Haller während seiner Kieler Jahre auch "Konjunkturtheorie", "Internationaler Handel", "Theorie und Politik der Einkommensverteilung", "Geld- und Kreditpolitik" sowie "Allgemeine Wirtschaftspolitik". Im Jahre 1957 folgte Haller einem Ruf an die Universität Heidelberg.
Nachfolger Hallers an der CAU wurde 1968 der in Frankfurt a. M. habilitierte Karl Häuser (geb. 1920). Er gliederte den gesamten Lehrstoff der Finanzwissenschaft auf in eine Folge dreier Hauptvorlesungen: 1. Theorie der öffentlichen Finanzwirtschaft,
2. Finanzpolitik und 3. Theorie und Politik der Besteuerung. Damit hatte sich die für die allgemeine Ausbildung im Fach Finanzwissenschaft lange Zeit praktizierte Dreiteilung: Finanztheorie, Finanzpolitik, Steuerlehre herausgebildet und fest etabliert.
Nach Hallers Weggang von Kiel begann der 1957 in Kiel habilitierte Privatdozent Willi Albers (geb. 1918) seine selbständige Lehrtätigkeit auf dem Gebiet der finanzwissenschaft, zunächst im WS 1957/58 mit VorIesungen über "Aktuelle Probleme der deutschen Finanzpolitik" und "Konjunkturtheorie und Konjunkturtherapie". Im folgenden SS 1958 kündigte Albers "Wirtschaftliche Wirkungen der Besteuerung" an. Neben diesen Aktivitäten auf dem Gebiet der Finanzwissenschaft stand schon in dieser ersten Phase seiner Kieler Dozententätigkeit die Beschäftigung mit Fragen der Agrarpolitik auf seinem Lehrprogramm. Häuser verließ Kiel 1962 und folgte einem Ruf zurück an seine Heimatuniversität Frankfurt a. M.
Sein Nachfolger an der CAU wurde der zuvor an der TU Berlin lehrende ordentliche Professor Heinz Kolms (geb. 1914). Kurze Zeit danach erfolgte die Aufteilung des bisher von allen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühlen der CAU gemeinsam getragenen Wirtschaftswissenschaftlichen Seminars (früher Staatswissenschaftliches Seminar) in verschiedene wirtschaftswissenschaftliche Seminare. Wirkungsstätte des von Heinz Kolms 1963 übernommenen Lehrstuhls war nun das "Seminar für Finanzwissenschaft". Von besonderer Bedeutung für die gesamte Zeit seiner Lehrtätigkeit an der CAU war sein für ganze Generationen Kieler Volkswirtschaftsstudenten maßgebliches Lehrbuch "Finanzwissenschaft", dessen grundlegenden Teile vier Auflagen erlebten. Mit diesem vierbändigen Lehrbuch war noch einmal der Versuch unternommen worden, eine gewisse mittlere Position zwischen finanztheoretischer Grundlegung einerseits und systematischer Vermittlung der institutionellen Fakten (der Finanz- und Steuerordnung der Bundesrepublik Deutschland) einschließlich ihrer historischen Genese andererseits einzuhalten. Angesichts der Tatsache, daß wirtschafts- und theoriegeschichtlich interessierten Forschern im engeren Bereich der Volkswirtschaftslehre heute so gut wie keine Chance mehr gegeben wird, mit entsprechenden Forschungsresultaten eine auch nur bescheidene Existenzberechtigung in den Fakultäten zugebilligt zu bekommen, erscheint es hier erwähnenswert, daß Kolms noch in sehr starkem Maße sowohl die finanzwirtschaftlichen Fakten als auch die Entwicklung der darauf bezogenen theoretischen Systeme stets in ihrer historischen Dimension einordnete und entsprechende Bemühungen, solche historischen Bezüge umfassend und systematisch auszuleuchten, noch zu würdigen verstand.
Neben den finanzwissenschaftlichen Hauptvorlesungen über Finanztheorie, Steuerlehre und Finanzpolitik bot Kolms in Vorlesungen und Seminaren interessierten Studenten die Möglichkeit, sich intensiv mit Themen der Theoriegeschichte auseinanderzusetzen. In den ersten Jahren seiner Kieler Lehrtätigkeit finden sich in den Vorlesungsverzeichnissen regelmäßig Vorlesungen und Seminare zur "Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen".
Seit dem SS 1970 wurde das finanzwissenschaftliche Lehrprogramm durch Vorlesungen und Übungen des hauptamtlich am Institut für Weltwirtschaft tätigen Honorarprofessors Herbert Weise (geb. 1914) ergänzt. Er lehrte insbesondere auf den Spezialgebieten: Finanzausgleich, Finanzprobleme der Entwicklungsländer, Staatsverschuldung und Räumliche Wirkungen der Staatstätigkeit.
Im Zuge des Ausbaus der inzwischen von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät getrennten selbständigen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät wurde 1970 ein zweiter Lehrstuhl für Finanzwissenschaft eingerichtet und zum SS 1971 mit dem von Heidelberg nach Kiel zurückberufenen Prof. W. Albers besetzt. Damit konnten nun die drei Grundvorlesungen des finanzwissenschaftlichen Lehrprogramms von zwei Fachvertretern im Wechsel vorgetragen werden. Albers erweiterte das Forschungs- und Lehrprogramm des Seminars/Instituts für Finanzwissenschaft um das weitgespannte Gebiet der Sozialpolitik; außerdem übernahm er auch wieder Lehraufgaben im Bereich der Agrarpolitik.
Nach der Emeritierung von Prof. Kolms 1979 wurde der in Mainz habilitierte und von 1971 bis 1980 in Bochum lehrende Rolf Peffekoven (geb. 1938) nach Kiel berufen. Neben der Beteiligung an der allgemeinen finanzwissenschaftlichen Ausbildung ergänzte Peffekoven das Lehr- und Forschungsprogramm des Instituts vor allem um das Spezialgebiet der internationalen Finanzordnung. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit in Kiel bildete das Gebiet der Theorie und Praxis des Finanzausgleichs.
Nach der Emeritierung von Prof. Albers zum Ende WS 1982/83 und nach dem für die Fakultät überraschenden Weggang von Peffekoven nach Mainz im Jahre 1983 waren beide finanzwissenschaftlichen Lehrstühle unbesetzt. Erst mit der Berufung von Wolfgang Kitterer (geb. 1943) und Christian Seidl (geb. 1940) in den Jahren 1984 bzw. 1986 wurden die personellen Voraussetzungen wieder geschaffen, das finanzwissenschaftliche Lehrprogramm vollständig und in einem festen Zyklus anzubieten. |